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Sprengsatz Schulschwänzer

Pädagogen fordern mehr Sozialarbeit gegen Verweigerer

Hunderttausende Kinder und Jugendliche in Deutschland schwänzen regelmäßig die Schule. Diese Verweigerungshaltung berge ein wachsendes Potenzial "gesellschaftlicher Sprengsätze", erklärte der Verband Bildung und Erziehung
(VBE) am Freitag auf seinem "Deutschen Lehrertag" in Schwerin. Die Pädagogen forderten mehr Sozialarbeit in Schulen, um das Problem zu lösen.

Von Jörg Feuck

Laut Deutschem Jugendinstitut sind fünf bis zehn Prozent aller Schüler "aktive Schulschwänzer". Eine noch größere Zahl hat sich "innerlich verabschiedet", sitzt beispielsweise passiv im Unterricht oder provoziert durch dauerndes Stören. Kommunen und Länder schätzen, dass es bundesweit zwischen 80 000 und 400 000 Schulverweigerer gibt, die Bertelsmann-Stiftung geht von einer halben Million "Schulmüder" aus. Der VBE macht in dem Zusammenhang den "Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule als schwierigste Phase" aus. VBE-Bundesvorsitzender Ludwig Eckinger hob hervor, der schleichende Schulausstieg beginne bereits bei den Zehn- und Elfjährigen.

Besonders an Hauptschulen habe sich Schwänzen "wie eine Epidemie ausgebreitet". An Haupt- und Sonderschulen fehlten im Schnitt zehn bis 20 Prozent der Schüler mehrere Stunden pro Woche unentschuldigt. Eckinger sagte, die Lehrer hätten zu wenige diagnostische Kompetenzen und seien angesichts der immer drängenderen Problemursachen (etwa Sprachprobleme, Krisen und Armut in Familien) überfordert. Schulsozialarbeit könne helfen, Schüler "wieder einzugliedern". In einer in Schwerin verabschiedeten Resolution heißt es: "Das Wichtigste ist, ein Abgleiten in Kriminalität zu verhindern und allen Schülerinnen und Schülern zu einem Abschluss zu verhelfen." Nach Ansicht des VBE müssen Schulen, an denen sich soziale Probleme ballen, besser ausgestattet und Schulsozialarbeiter dort einen "festen Platz" erhalten. Schulsozialarbeit, so Eckinger, "könnte ein Baustein für eine ganz neue Grundhaltung werden. Dass wir keinen hängen lassen dürfen. Dass wir uns um jeden kümmern müssen". Die im internationalen Vergleich hohen Zahlen an Schulabbrechern und Sitzenbleibern dürfe man nicht hinnehmen.

Eckinger kritisierte die Bundesländer, in denen Schulschwänzer von der Polizei in die Schule "zurück verfrachtet" und Eltern "mit Bußgeldern abgestraft" würden. Mit Mitteln des "Ordnungsstaates" werde "niemand wirklich abgeschreckt". Vielmehr müssten Jugendhilfe, Mediziner, Psychologen, Polizei, Kirchen, Schulen und Eltern ein "Netzwerk" bilden.

Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, betonte, dass "Jungen zunehmend in die Krise geraten". Die Gewaltkriminalität steige besonders stark bei männlichen Jugendlichen. Um "problematische Schüler" aufzufangen, sei ein umfassendes Konzept nötig. Pfeiffer nannte etwa "Elternschulen" an Kindergärten, Sprachkurse für ethnische Minderheiten, Schul-Konfliktlotsen sowie eine "deutliche Erhöhung des Anteils der Schüler, die eine Ganztagsschule besuchen".



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